Sonntag, 20. Juni 2010

Klos(e) im Hals?

Es ist also geschehen. Wir haben verloren. Im zweiten Spiel der WM. Die gute Nachricht ist: Das macht nichts. Den Zero-Miro, der er ja trotz seines wunderschönen Kopfballtores gegen die Aussies immernoch ist, können wir gerade so noch ersetzen. Hauptsache, es wird nicht der Mario. Am kommenden Mittwoch steht also das Spiel gegen die Ghanaer an und ganz ehrlich, da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Die ohne Zweifel technisch und vor allem im Vorfeld der Spiele sanglich durchaus beschlagenen Jungs haben mir nun nicht unbedingt Angst eingeflößt - in beiden bisherigen Spielen. Betrachten wir mal die knallharten Fakten, haben sie bisher lediglich zwei Elfmetertore erzielen können und es nicht einmal geschafft, die offensichtlich in allen Belangen unterlegenen Australier (man erinnere sich an unser im Nachhinein doch zauberhaftes 4:0 zum Auftakt) in Überzahl(!) zu beherrschen. Nicht nur das, unsere afrikanischen Freunde schrammten denkbar knapp an einer Niederlage vorbei, man rieb sich verwundert die Augen, da die Ozeanier dem Sieg in Unterzahl doch tatsächlich näher waren. Der einzige Lichtblick in einer der letzten verbliebenen Hoffnungen des schwarzen Kontinents dieses Turniers war dann auch noch der im Eilverfahren vor der WM eingebürgerte Kevin Boateng. Ein Spieler, der nahezu jede deutsche Jugend-Nationalmannschaft durchlief und nun für das Heimatland seines Vaters aufläuft, ohne jemals auch nur einen Fuß auf ghanaisches Territorium gesetzt zu haben. Verwerflich? Vielleicht. Wie kann man in Berlin Schöneberg zur Welt kommen, seine komplette fußballerische Ausbildung bei Hertha BSC genießen und in der Jugend für sein Heimatland auflaufen, nur um sich dann kurz vor den Titelkämpfen in Südafrika doch für die andere Seite der eigenen Geschichte zu entscheiden?

Skandal! ..mag der ein oder andere rufen. Andererseits: Sein Name ist in Deutschland nicht erst seit der Ballack-Affäre ohne Zweifel verbrannt, er wird hierzulande nie mehr auch nur seinen kleinen linken Zeh auf ein Fußballfeld setzen können, ohne sich diversen Anfeindungen ausgesetzt zu sehen. Man könnte das Für und Wider der Person(a non Grata) Kevin Boateng erörtern, am Ende des Tages gäbe es die Fraktion Pro Kevin (inklusive mir und Jürgen Klopp) und auf der anderen Seite die Verfechter der Ächtung des jungen Schnösels, der sich an einem einzigen Tag(!) drei Autos der Preisklasse Lamborghini leistet und unseren so wichtigen Capitano Michael Ballack um seine wahrscheinlich (und hoffentlich) letzte WM-Teilnahme gebracht hat. Ich persönlich halte ihn für einen grandiosen Kicker - persönlich gereift und geläutert - der so ziemlich jeder Bundesliga-Mannschaft gut zu Gesicht stünde. Seine ersten beiden WM-Auftritte bestätigten dieses positive Bild. Stichworte wie Spielübersicht, -intelligenz, Antizipation und Passgenauigkeit seien hier einfach mal in den Raum geworfen. Ich mag ihn - auch als Typ.

Was gab uns diese WM in den ersten acht Tagen sonst noch? England vermasselt es traditionell - so scheint es, die Franzmänner zerfleischen sich selbst (und wie!) und vergessen dabei doch glatt, dass sie ihre ach so stolze Nation in aller Welt repräsentieren und die Argentinier werden immer mehr zu einem gefürchteten, möglichen Viertelfinal-Gegner. Ganz ketzerisch gesagt wäre es wahrscheinlich nicht einmal nachteilig, lediglich Gruppenzweiter zu werden, da man dann den Engländern auf jeden Fall (sollten sie sich qualifizieren) im Achtelfinale und den Südamerikanern um Wunderkind Leo Messi im möglichen Viertelfinale einfach mal ganz lässig aus dem Weg gehen könnte.

Letztlich ist es zu diesem Zeitpunkt der Gladiatorenkämpfe müßig, über irgendwelche Eventualitäten zu sinnieren. Mund abputzen, Ghana weghauen und schauen, was da so auf uns zu kommt kann nur die Devise lauten. Um mal das Phrasenschwein zu bemühen: Wer Weltmeister werden will, muss eh jeden schlagen können. Nie war dieser Ausspruch so wahr wie in 2010.

Die Spanier werden trotz der fast schon historischen Auftaktpleite gegen (G)Ottmars Schweizer die Gruppe souverän für sich entscheiden, Brasilien wird seine Hausaufgaben erledigen und auch die von uns so verehrten Italiener werden die K.O.-Runde erreichen. Und dann ist - wie immer - alles drin. DIE alles überragende Mannschaft habe ich noch nicht gesehen, und auch Diegos Offensiv-Feuerwerk muss man dank Martin Demichelis noch nicht zwingend zum Titel gratulieren. Gute Chancen haben sie natürlich zweifelsohne.
Die Crux der ersten WM-Woche ist letztlich: Nichts ist gesichert und schon gar nicht, dass unsere Jungs bis ganz zum Schluss mitmischen werden, so wie es der Rest der Welt fast schon traditionell erwartet.

Dass wir es uns alle wünschen, bedarf hier wohl keiner weiteren Erwähnung. Und für den Fall, dass wir es tatsächlich schaffen sollten, stehen einige von uns in der Pflicht einer leichtsinnig eingegangenen Wette. Drückt einfach die Daumen, hofft, dass wir Weltmeister werden und lasst euch überraschen. Für alle Hannoveraner könnte es amazing werden O.o. Auf dem gestrigen Heimweg trafen wir dann doch auch gleich auf zwei Fußballfreunde, deren Schicksal wohl schon durch die Niederlage gegen die Serben besiegelt schien: Sie mussten nackt über die Limmerstraße laufen. Sie taten dies mit bedingungsloser Überzeugung und Hingabe. Ich sollte noch einmal ins Solarium gehen. Ohne Witz, ich bete für den vierten Stern. Ganz ohne Public Viewing und Volksbespaßung. Fußball ist immer noch wichtig!

4 Kommentare:

  1. wenn wir den stern holen, brauche ich auch noch nen schal!

    AntwortenLöschen
  2. ... und ich zelte dann auf der Limmer - immer die Kamera bereit - um für alle diesen einzigartigen Moment festzuhalten :P.

    AntwortenLöschen