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Freitag, 2. Juli 2010

Dirty Talk für Fortgeschrittene

Der "Herr Schweinsteiger" möchte nicht mehr der Schweini sein. Als diese Meldung vor einigen Monaten über den Äther ging, fragte ich mich noch, was genau der bajuwarische Mittelfeldmann damit meint. Mittlerweile muss ich - auch nach einer bärenstarken Saison des "Herrn Schweinsteiger" im Trikot der Bayern und seinen überragenden Vorstellungen im DFB-Trikot - ihm eine nicht für möglich gehaltene Entwicklung attestieren. Zweifellos ist "Herr Schweinsteiger" mittlerweile DER Fixpunkt im deutschen Spiel. Er legt vermeintliche Weltstars wie Frank Lampard (Hallo Inselaffen!) an die Kette und leitet ganz nebenbei auch noch nahezu jeden Angriff unserer Elf in Südafrika ein. Ohne Frage, der Mann, der vor einigen Jahren noch des Nachts mit seiner vermeintlichen Cousine von einem Wachmann im Entmüdungsbecken an der Säbener Straße erwischt wurde, hat sich - gerade nach dem Ausfall des angeblich einzigen Leaders unserer Auswahl Michael Ballack - zu einer wahren Führungspersönlichkeit entwickelt. Habe ich mich noch nach der WM 06 beim Schauen des "Sommermärchens" von Bundesversammlungs-Mitglied Sönke Wortmann nicht zu wenig fremd geschämt, als Schweini neben dem Poldi auf dem Hotelbett lag und beide ihre Eindrücke des heimischen Turniers schilderten, hat sich der junge Mann seitdem wirklich weiter entwickelt. Lief er noch 2008 nach dem Viertelfinale gegen Portugal mit einem Deutschland-Cowboyhut auf dem Kopf quer über den Platz zu seiner Angebeteten, gibt er mittlerweile auch direkt nach Spielschluss sehr reflektierte Interviews und gibt den gereiften Strategen. Küsse gibts immer noch, aber eben ohne Hut.

Verwundert vernahm der gemeine Fan der deutschen Elf sodann auch seine Aussagen bei der täglichen Pressekonferenz am Dienstag vor dem Argentinien-Spiel, in der "Herr Schweinsteiger" vom Allerfeinsten gegen die Manieren des samstäglichen Gegners auf und neben des Platzen lederte. Statt die - durchaus berechtigte - Kritik lediglich auf die argentinische Auswahl zu beziehen, griff er doch gleich mal das ganze Volk an. "Die sind eben so" war da noch eine der harmlosen Bemerkungen unseres "emotionalen Leaders". Ungefragt wohlgemeint.

Ich vermute hinter diesen Worten eine durchaus gewiefte Taktik, die Südamerikaner an der Ehre zu packen. Gezielte Provokation im Vorfeld quasi. Die werden nun heiß sein. Am Samstag wird der Argentinier mit Sicherheit versuchen, unserer jungen Elf den Schneid durch den von "Herrn Schweinsteiger" prognostizierten überharten Einsatz abzukaufen.

Die Rechnung des "Herrn Schweinsteiger" könnte aufgehen, wenn der Usbeke Irmatov eine ähnlich strikte Linie verfolgt wie der Unparteiische im Spiel unserer Elf gegen die Serben und nach einer halben Stunde den ersten Argentinier des Feldes verweist. Wunschdenken, klar. Aber eben nicht unmöglich. Eins ist klar: Uns erwartet eine von beiden Seiten intensiv geführte Partie, zu der neben der natürlichen Rivalität der beiden Fußball-Nationen auch die Geschehnisse im Anschluss an das Viertelfinale vor vier Jahren beitragen werden. Oder wie es der übrigens für sein Alter unfassbar eloquente Thomas Müller zu sagen pflegte: "Wenn wir gewinnen, können sie gern nach dem Spiel eine Schlägerei anzetteln!"

Und sonst? Das Spiel gegen unsere Lieblingsfreunde von der Insel bedarf wohl doch keines gesonderten Posts, zu beeindruckend war die Leistung unserer Elf am vergangenen Sonntag. Von einer gewissen Glückseligkeit umnachtet endete der Abend der englischen Demontage - ich habe mich lange nicht so gut gefühlt. Es war ein sehr, sehr schöner Tag.

Mir bleibt, mich mit den angekündigten Worten zu verabschieden und uns allen einen hoffentlich positiven Ausgang des kommenden Spiels zu wünschen: Wir sehen uns am Samstag, 16 Uhr, gegen Argentinien. Die Jungs hätten es wirklich verdient, in die Vorschlussrunde einzuziehen. Sollte es nicht klappen, muss allerdings niemand traurig sein. Dieser Mannschaft gehört zweifelsfrei die Zukunft. Ausnahmsweise find ich Leo Messi am Samstag auch mal doof.

Und so sehen die abschließenden Vorbereitungen unseres Teams aus. Tanzen kann er ja, der Mario.

Sonntag, 20. Juni 2010

Klos(e) im Hals?

Es ist also geschehen. Wir haben verloren. Im zweiten Spiel der WM. Die gute Nachricht ist: Das macht nichts. Den Zero-Miro, der er ja trotz seines wunderschönen Kopfballtores gegen die Aussies immernoch ist, können wir gerade so noch ersetzen. Hauptsache, es wird nicht der Mario. Am kommenden Mittwoch steht also das Spiel gegen die Ghanaer an und ganz ehrlich, da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Die ohne Zweifel technisch und vor allem im Vorfeld der Spiele sanglich durchaus beschlagenen Jungs haben mir nun nicht unbedingt Angst eingeflößt - in beiden bisherigen Spielen. Betrachten wir mal die knallharten Fakten, haben sie bisher lediglich zwei Elfmetertore erzielen können und es nicht einmal geschafft, die offensichtlich in allen Belangen unterlegenen Australier (man erinnere sich an unser im Nachhinein doch zauberhaftes 4:0 zum Auftakt) in Überzahl(!) zu beherrschen. Nicht nur das, unsere afrikanischen Freunde schrammten denkbar knapp an einer Niederlage vorbei, man rieb sich verwundert die Augen, da die Ozeanier dem Sieg in Unterzahl doch tatsächlich näher waren. Der einzige Lichtblick in einer der letzten verbliebenen Hoffnungen des schwarzen Kontinents dieses Turniers war dann auch noch der im Eilverfahren vor der WM eingebürgerte Kevin Boateng. Ein Spieler, der nahezu jede deutsche Jugend-Nationalmannschaft durchlief und nun für das Heimatland seines Vaters aufläuft, ohne jemals auch nur einen Fuß auf ghanaisches Territorium gesetzt zu haben. Verwerflich? Vielleicht. Wie kann man in Berlin Schöneberg zur Welt kommen, seine komplette fußballerische Ausbildung bei Hertha BSC genießen und in der Jugend für sein Heimatland auflaufen, nur um sich dann kurz vor den Titelkämpfen in Südafrika doch für die andere Seite der eigenen Geschichte zu entscheiden?

Skandal! ..mag der ein oder andere rufen. Andererseits: Sein Name ist in Deutschland nicht erst seit der Ballack-Affäre ohne Zweifel verbrannt, er wird hierzulande nie mehr auch nur seinen kleinen linken Zeh auf ein Fußballfeld setzen können, ohne sich diversen Anfeindungen ausgesetzt zu sehen. Man könnte das Für und Wider der Person(a non Grata) Kevin Boateng erörtern, am Ende des Tages gäbe es die Fraktion Pro Kevin (inklusive mir und Jürgen Klopp) und auf der anderen Seite die Verfechter der Ächtung des jungen Schnösels, der sich an einem einzigen Tag(!) drei Autos der Preisklasse Lamborghini leistet und unseren so wichtigen Capitano Michael Ballack um seine wahrscheinlich (und hoffentlich) letzte WM-Teilnahme gebracht hat. Ich persönlich halte ihn für einen grandiosen Kicker - persönlich gereift und geläutert - der so ziemlich jeder Bundesliga-Mannschaft gut zu Gesicht stünde. Seine ersten beiden WM-Auftritte bestätigten dieses positive Bild. Stichworte wie Spielübersicht, -intelligenz, Antizipation und Passgenauigkeit seien hier einfach mal in den Raum geworfen. Ich mag ihn - auch als Typ.

Was gab uns diese WM in den ersten acht Tagen sonst noch? England vermasselt es traditionell - so scheint es, die Franzmänner zerfleischen sich selbst (und wie!) und vergessen dabei doch glatt, dass sie ihre ach so stolze Nation in aller Welt repräsentieren und die Argentinier werden immer mehr zu einem gefürchteten, möglichen Viertelfinal-Gegner. Ganz ketzerisch gesagt wäre es wahrscheinlich nicht einmal nachteilig, lediglich Gruppenzweiter zu werden, da man dann den Engländern auf jeden Fall (sollten sie sich qualifizieren) im Achtelfinale und den Südamerikanern um Wunderkind Leo Messi im möglichen Viertelfinale einfach mal ganz lässig aus dem Weg gehen könnte.

Letztlich ist es zu diesem Zeitpunkt der Gladiatorenkämpfe müßig, über irgendwelche Eventualitäten zu sinnieren. Mund abputzen, Ghana weghauen und schauen, was da so auf uns zu kommt kann nur die Devise lauten. Um mal das Phrasenschwein zu bemühen: Wer Weltmeister werden will, muss eh jeden schlagen können. Nie war dieser Ausspruch so wahr wie in 2010.

Die Spanier werden trotz der fast schon historischen Auftaktpleite gegen (G)Ottmars Schweizer die Gruppe souverän für sich entscheiden, Brasilien wird seine Hausaufgaben erledigen und auch die von uns so verehrten Italiener werden die K.O.-Runde erreichen. Und dann ist - wie immer - alles drin. DIE alles überragende Mannschaft habe ich noch nicht gesehen, und auch Diegos Offensiv-Feuerwerk muss man dank Martin Demichelis noch nicht zwingend zum Titel gratulieren. Gute Chancen haben sie natürlich zweifelsohne.
Die Crux der ersten WM-Woche ist letztlich: Nichts ist gesichert und schon gar nicht, dass unsere Jungs bis ganz zum Schluss mitmischen werden, so wie es der Rest der Welt fast schon traditionell erwartet.

Dass wir es uns alle wünschen, bedarf hier wohl keiner weiteren Erwähnung. Und für den Fall, dass wir es tatsächlich schaffen sollten, stehen einige von uns in der Pflicht einer leichtsinnig eingegangenen Wette. Drückt einfach die Daumen, hofft, dass wir Weltmeister werden und lasst euch überraschen. Für alle Hannoveraner könnte es amazing werden O.o. Auf dem gestrigen Heimweg trafen wir dann doch auch gleich auf zwei Fußballfreunde, deren Schicksal wohl schon durch die Niederlage gegen die Serben besiegelt schien: Sie mussten nackt über die Limmerstraße laufen. Sie taten dies mit bedingungsloser Überzeugung und Hingabe. Ich sollte noch einmal ins Solarium gehen. Ohne Witz, ich bete für den vierten Stern. Ganz ohne Public Viewing und Volksbespaßung. Fußball ist immer noch wichtig!